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E R N Ä H R U N G

Rettung von der Biofarm

Bauern und Forscher in Kenia kämpfen mit natürlichen Methoden um ihre Ernte. Sie zeigen, dass Ökologie kein Luxus ist

Von Christiane Grefe

Nairobi/Kenia

Mit Genugtuung präsentiert Mary Rabilo ihre kleine Farm. Zunächst Lady Diana, die braun-weiß gefleckte Kuh, die sanfte Klapser mag und genüsslich den Hals ans Gatter reckt. Dann schaukelt die runde Kenianerin Richtung Maisfeld, bunt leuchtet ihr Rock auf dem Lehmpfad. Auf dem Acker stehen die Pflanzen mannshoch und dunkelgrün im Saft. Seit drei Jahren bringt der Mais mehr Ertrag als früher, manchmal das Zwei-, Dreifache - existenziell wichtig, wenn man zehn Kinder von einem knappen Hektar ernähren muss.

Ein schmaler Streifen von Rabilos Maisfeld im regenzeitfeuchten Suba District Kenias sieht dagegen noch aus wie früher: blasse Pflanzen, krumm und fleckig, kaum einen Meter hoch. Das ist das Werk des Stängelbohrers. Die Larven dieser Motte nisten sich in den Halmen ein und fressen in ganz Afrika 15 bis 40 Prozent des wichtigen Grundnahrungsmittels weg. Die Kümmernis ist zudem wild durchwachsen von den pinkfarbenen Blüten des Hexenkrauts, wie es der Volksmund nennt. Striga hermonthica entzieht der Wurzel Nahrung und zerstört ein weiteres Fünftel der Ernte. Stängelbohrer und Hexenkraut zusammen schaffen auch schon mal das ganze Feld. Dabei haben sie mit den Monokulturen am Viktoriasee, die dort in Jahrzehnten den Boden auslaugen, leichtes Spiel.

Doch auf Mary Rabilos Farm sind die beiden Schädlinge besiegt - dank einer Pflanzmethode, die Forscher vom Internationalen Zentrum für die Physiologie und Ökologie der Insekten (Icipe) entwickelt haben. Push-pull nennt sich das Verfahren, frei nach Doktor Doolittle: "Stoß-dich-zieh-dich." Unter das Getreide wird Desmodium gesetzt, eine Hülsenfrucht, deren Geruch der Stängelbohrer nicht ausstehen kann. Umso anziehender ist für den Abgestoßenen das rund ums Feld gepflanzte wuschlige Napiergras. Er flattert aus dem Feld und sitzt in der Falle: Napier, das sich lange vor dem ursprünglich südamerikanischen Mais mit dem Schädling herumschlug, hat mit einem klebrigen Sekret eine Abwehrtechnik entwickelt. "Das Insekt bleibt hängen und trocknet regelrecht aus", triumphiert Nyagol Dickens, ein Mitarbeiter des Icipe-Teams um den Inder Zeyaur Khan. Zugleich sondert die Desmodiumwurzel eine Substanz ab, die das Wachstum des Hexenkrauts blockiert - zwei Schädlinge mit einer Klappe.

Die genial einfache Methode ist das Ergebnis jahrelanger detektivischer Verhaltensforschung, Suche und Erprobung der richtigen Pflanzenkombination. Allein 400 Gräser testete Khan, bevor das Icipe Erfolg melden konnte. Doch diese faszinierende Form der Biotechnologie entwickelt sich weitgehend im Schatten einer Debatte, die allzu einseitig um die Verheißungen neuer gentechnischer Methoden auf dem Acker kreist.

Dabei bieten sich die biologische Schädlingskontrolle und andere Methoden des ökologischen Landbaus, die in den Wohlstandsgesellschaften Gesundheit und Umweltschutz dienen, als ebenso kostengünstige wie wirkungsvolle Strategie im Kampf gegen Armut und Hunger an. Das gilt insbesondere für Afrika, dem "Ground Zero des globalen Ernährungsproblems" (World Watch Institute). Die Frage, wie dort und anderswo der Hunger besiegt werden kann, steht vom 10. Juni an beim Welternährungsgipfel der Vereinten Nationen in Rom auf der Tagesordnung. Dort wird eine bittere Bilanz präsentiert: Noch immer sind über 800 Millionen Menschen weltweit unterernährt - zwei Drittel davon leben in ländlichen Gebieten, und viele hungernde Slum-Familien sind ebenfalls den schlechten Lebensbedingungen auf dem Land entflohen.

Vor allem mittellose Kleinbauern oder Landarbeiter brauchen Lebensmittelsicherheit und Perspektiven. Das bestätigt auch der jüngste Armutsbericht für Kenia, wo drei Viertel der Bevölkerung weitgehend von der Landwirtschaft abhängig sind. Gerade ihnen könnte der Bioanbau helfen, mit geringem Kosteneinsatz die Produktivität ihrer Äcker zu steigern - schon weil die Kleinbauern für Dünger und chemische Schädlingsbekämpfungsmittel schlicht kein Geld haben. Dabei strapazieren sie den Boden im Übermaß: Da die Bevölkerungsdichte wächst, wird der Acker unter immer mehr Familienmitgliedern aufgeteilt, aus jedem Quadratmeter das Letzte herausgeholt. "Traditionell zogen viele Bauern mit dem Anbau weiter, wenn ihr Land nichts mehr hergab", sagt John Wanjau Njoroge, Gründer des Kenya Institute for Organic Farming (Kiof). "Dafür fehlt heute der Raum. Aber mit ökologischem Landbau kann man umweltschonend intensivieren."

Die push-pull-Methode ist dafür nur das jüngste Paradebeispiel. Über 1000 Bauern in Kenia wenden sie bereits an. Gewiss, zunächst waren sie misstrauisch; wer kaum Land hat, ist wenig experimentierfreudig. Am Anfang macht die Sache zudem mehr Arbeit. Doch am Ende ließen sie sich - wie Mary Rabilo - überzeugen, weil Desmodium viele Vorteile hat: Es hält Wasser im Boden, bindet Stickstoff, verhindert Erosion, man kann am Verkauf der Saatkörner verdienen, und es bietet eiweißhaltiges Futter für Kühe wie Lady Diana. Deren Milch verbessert Ernährung und Einkommen - "und Schulgeld bleibt auch übrig", freut sich Mary Rabilo.

Der gentechnische Kampf gegen Resistenzen gebiert Resistenzen

"Duduville", Ungezieferstadt, nennen die Kenianer die Icipe-Zentrale in Nairobi. An diesem Institut, einem von mehreren Agrarforschungsinstituten in Kenia, jagt Zeyaur Khans Kollege Bill Overholt den Stängelbohrer noch mit einem anderen Feind: Cotesia flavipes. Diese Wespe legt 40 Eier in die Stängelbohrerlarve, nach zehn Tagen ist sie dahin. Entdeckt wurde das rettende Insekt in Indien, aus dem Subkontinent stammt auch die gefräßigste der fünf Stängelbohrerarten in Kenia. In der Insektenforschung ist Globalisierung nichts Neues. Doch auf dem Acker aussetzen durfte Overholt Cotesia flavipes erst, nachdem er ihr Desinteresse für 4000 einheimische Insekten nachgewiesen hatte. Ihre Ausbreitung zeigt schon Wirkung. Harte Zeiten für den Bohrer.

Gewiss, der Hunger hat unendlich viel mehr Ursachen als bloß Insektenplagen: Überschwemmungen, Dürren. Die Zerstörung lokaler Märkte durch subventionierte Überschüsse aus Industrieländern. Preisverfall als Folge der WTO-erzwungenen Marktliberalisierung. Krieg, ungerechte Landverteilung, die Misswirtschaft korrupter Regierungen. Den Mangel an Straßen und Transportmitteln; auch an Fabriken für Mangomarmelade oder Süßkartoffelchips, um verderbliche Lebensmittel zu sichern, Arbeit und Wertschöpfung in die ländlichen Räume zu holen. Überhaupt eine Vernachlässigung der Agrarforschung und -politik, in den nationalen Budgets wie in jenen der internationalen Finanz- und Entwicklungsorganisationen. "All das macht drei Viertel des Problems aus", relativiert Icipe-Chef Hans Herren seine eigene Pionierarbeit, "erst dann sind Saatgut und Anbauweise von Belang."

In diesem letzten Viertel allerdings prallen - grob gesehen - zwei Denkschulen aufeinander:

Auf der einen Seite stehen die großen Agrarkonzerne mit ihren neuen Hochertragssorten, die gentechnisch gegen Schädlinge resistent gemacht sind. In Kenia beispielsweise will die Schweizer Novartis Stiftung gemeinsam mit dem staatlichen Agrarforschungsinstitut Kari den Stängelbohrer demnächst für sechs Millionen Dollar mit einem BT-Mais bekämpfen, der sein eigenes Insektengift produziert.

Auf der anderen Seite stehen die Verfechter ökologischer Methoden. Diese attackieren schädliche Insekten erst, wenn sie Überhand nehmen, und greifen auch dann möglichst schonend in komplexe natürliche Systeme ein. "Bei unserem push-pull-System wurde ja nur Vorhandenes auf raffinierte Weise neu arrangiert", sagt der Schweizer Bauernsohn Herren, der 1995 den Welternährungspreis erhielt.

Gegenüber der Gen-Tech-Strategie ist Hans Herren misstrauisch: BT wirke womöglich nicht nur auf die Zielinsekten, sondern könne genauso bei anderen Anpassungsprozesse beschleunigen. Die Konsequenz wäre ein Wettlauf immer neuer Pestizide, Herbizide und gentechnischer Veränderungen gegen immer neue Schädlingsresistenzen. Das sei "die dümmstmögliche Form der Gentechnik. Sie ist nur am einfachsten realisierbar und bringt viel Geld." Umgekehrt wurde der Icipe-Chef auf einem Gentechnikkongress in Nairobi attackiert, er wolle Afrika eine Hochtechnologie vorenthalten. Herren kontert: "Wo es sinnvoll ist, wenden wir selbst Genomics an. Aber wenn wir effizientere Lösungen bereits haben, warum sollten wir uns dann voreilig von einer kurzfristig gedachten riskanten Technologie treiben lassen?"

Als Beispiel nennt Herren die Erfahrung mit den Agrarchemikalien, denen man zunächst auch euphorisch vertraut habe. Die Folge: Nach der Auslöschung ihrer natürlichen Feinde durch Insektizide haben sich andere Tiere wie die rote Spinnmilbe hemmungslos vermehrt - am liebsten auf Kosten von Tomatenpflanzen. Daher sucht Icipe-Mitarbeiter Markus Knapp heute wieder nach Gegenspielern der roten Spinnmilbe. Und sein Chef Bernhard Löhr, der fasziniert ein Laborgefäß mit Hunderten wuselnder Kohlschaben betrachtet, stellt beinahe anerkennend fest: "Die hier haben gegen absolut jedes auf dem Markt erhältliche chemische Mittel Resistenzen entwickelt." Nun setzt er eine Wespenart aus Taiwan auf sie an.

Profitieren davon könnte der aufkeimende Gartenbau in Kenia. Diese "Elite unter den Kleinbauern", wie Löhr sie nennt, produziert frische Ware; "das einzige Gebiet, wo es hier zurzeit Entwicklung gibt". Doch die Farmer haben mit Schädlingen immens zu kämpfen - und mehrmals im Jahr zu spritzen, können sie sich nicht leisten.

Einige von ihnen wollen schon den wachsenden Markt für ökologisch erzeugte Produkte in Europa bedienen. Doch manche einheimischen Experten wie John Njoroge halten davon wenig. Der bullige Agrarwissenschaftler des Kenya Institute for Organic Farming (Kiof) möchte mit dem biologischen Anbau zunächst gewährleisten, dass Kleinbauern ihre Familien unabhängig ernähren können, mit einer breiteren und gesünderen Palette an Feldfrüchten als bisher - und das sei selbst in regenärmeren Gebieten möglich.

In seinem bescheidenen Small Earth Demonstration Center 80 Kilometer nördlich von Nairobi sitzt der "Fundi" beim Frühstück aus Süßkartoffeln und Pfeilwurz unter dem großen afrikanischen Himmel, gemeinsam mit zwölf Kursteilnehmern aus ganz Ostafrika. "Ich hab hier gelernt, mit welchen Bodendeckern und Anbauformen man an Steilhängen die fruchtbare Erde vor dem Wegschwemmen in der Regenzeit retten kann", sagt die junge landwirtschaftliche Beraterin Bahungule Astaluzi aus dem Hochland von Uganda. Joyce Jackson Kulwah von Care Tansania will mit ökologischem Landbau "auch den vielen Frauen helfen, die wegen Aids ganz allein die Familie versorgen müssen". Oder James Sowokiri aus dem Südsudan, der Bürgerkriegsflüchtlinge betreut: "Statt zu düngen, brennen die Leute höchstens ihre Felder ab. Kompost etwa nutzt kaum jemand, ich wusste auch nicht, wie man auf diese Weise Humus gewinnt. Ein echter Schritt vorwärts."

Drei Wochen lang haben die weit gereisten Seminaristen auf der Kiof-Farm gemeinsam double digging ausprobiert, eine Gartenbautechnik, die den Boden besser durchlüftet und ernährt. Sie haben Insektenfallen und natürliche Pestizide kennen gelernt, Fruchtfolgen und Mischkulturen.

Die größten Probleme sind der Transfer des Wissens - und Geld

Viele weitere erfolgreiche Initiativen für ökologischen Landbau in Kenia hat der Engländer Jules Pretty von der University of Essex im Auftrag von Greenpeace, Brot für die Welt und dem britischen Entwicklungshilfeministerium beschrieben: Insgesamt 208 Beispiele verschiedenster Ökoanbaupraktiken von Mexiko bis Indien listet er auf. Darunter zai, eine traditionelle Pflanztechnik für Sorghum und Hirse in Burkina Faso, deren Renaissance schon 100 000 Hektar verarmter Böden regeneriert hat. Oder eine wasserarme Reisanbaumethode in Madagaskar, die bis zum Vierfachen des Ertrags bringt. Beginnt hier Die wirkliche Grüne Revolution, wie Nicholas Parott und Terry Marsden von der Cardiff University ihre Studie über "biologischen und agroökologischen Landbau im Süden" überschreiben?

Lou Verchot vom Internationalen Zentrum zur Erforschung der Agroforstwirtschaft (Icraf) in Nairobi wäre die Formulierung wohl zu pathetisch. Nüchtern referiert er seine Arbeit an so genannten Intensivbrachen. Das sind Systeme, die der Bodenfruchtbarkeit mithilfe schnell wachsender Sträucher auf die Sprünge helfen. Die Mengen an Stickstoff, Feuchtigkeit und Biomasse, die die Natur den erschöpften Flächen der traditionellen Landwirtschaft erst in 20 Jahren zurückgeben könne, bringen Hülsenfrüchte wie Tefrosia oder Crotolaria im kenianischen Hochland in neun Monaten; in anderen Regionen dauert der Prozess zwei bis drei Jahre. Ein Haken: Die Bäume, dicht an dicht gepflanzt, müssen abwechselnd mit dem Getreide gepflanzt werden, und das bedeutet, dass die Bauern auf eine zweite Ernte verzichten oder gar ein ganzes Jahr pausieren müssen. Dennoch steigern sie ihren Ertrag, wirtschaften nachhaltig und gewinnen noch Brennholz.

Im Transfer ihres Wissens sehen sowohl Icipe wie Icraf eines ihrer großen Probleme. Beide Institute halten daher während der Forschung engen Kontakt zu den Bauern, von denen sie auch selbst lernen; dabei suchen beide Seiten zugleich nach neuen Einkommensquellen für die Bauern, nach Produkten für lokale Märkte: Die bug guys von Icipe etwa arbeiten mit afrikanischen Bienen und Seidenraupen. Und Icraf empfiehlt den Anbau von Prunus africana, aus deren Rinde ein Prostatamedikament gewonnen wird, oder einer schmackhaften Frucht namens Zizyphus.

Das größte Problem aber ist, sehr banal, der Mangel an Aufmerksamkeit und damit Geld: Das Icipe, dessen Forschungsfelder auch den brisanten Kampf gegen Malariamücke und Tsetsefliege einschließen, beides weit über Kenia hinaus, hangelt sich mit einem Jahresetat von 11,5 Millionen Dollar von einem befristeten Projektvertrag zum nächsten. "Genforschung gilt eben eher als sexy", meint Bill Overholt. Auf Knien dankbar ist man, wenn ein Spender mal ein paar Jahre durchhält wie die Rockefeller Foundation und die Gatsby Charitable Foundation (bei push-pull) oder (bei der Kohlschabe) das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit. Lou Verchot von Icraf geht es nicht viel besser: "Die meiste Zeit verbringe ich mit Geldsuche."



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